(2) Aller Anfang…
Heute ist mein großer Tag, heute geht’s los.
Ich habe mir extra den Wecker gestellt, auf 6 Uhr. Nur der frühe Vogel fängt bekanntlich den Wurm. Morgens läuft es sich ja auch viel leichter. Das ist man munter und ausgeruht, die Luft ist besser - und außerdem hat’s weniger Spaziergänger auf der Straße, die einen dumm anstarren. Wobei: Die würden sicher vor Neid erblassen, wenn ich so locker und geschmeidig an ihnen vorbeizische.
5.30 Uhr. Ich kann nicht mehr schlafen. Irgendwas hält mich wach. Kommt aus der Magengegend, so ein komischer Druck. Bin ich etwa nervös? Trimmy Traber, Du doch nicht. Und warum sollte ich auch? So ‘ne kleine Laufrunde packst Du doch mit links.
5.45 Uhr. Soll ich doch lieber für den Anfang erst einmal eine kleine Runde laufen? Nicht, dass ich mir nicht mehr zutraue. Aber man soll es ja am Anfang auch nicht gleich übertreiben. Andererseits: Nur für ‘ne halbe Stunde die Laufklamotten anziehen und so früh raus? Also doch die große Runde, den Berg rauf und an der Mülldeponie vorbei.
Als pünktlich um 6 Uhr mein Wecker schrillt, schrecke ich hoch. Lisa neben mir grummelt im Halbschlaf was von “Ruhestörung um diese Zeit” und “Spinner”. Ich schwinge mich aus dem Bett - und stolpere krachend über meine alten Laufschuhe. Die hatte ich mir als zusätzliche Motivation vors Bett gestellt. Die guten Adidas Marathon, nichts anderes kommt an meine begnadeten Läuferfüße. Die Schuhe hatte ich in der Kiste unter der Treppe mit meinen alten Laufklamotten gefunden. Passend dazu auch die hellblauen Shorts mit den drei weißen Streifen und mein Läufershirt. Passt alles noch - fast - wie angegossen.
Draußen auf der Straße ist alles ruhig. Gut so. Ich trabe los. Die kühle Morgenluft füllt meine Lungen. Das tut gut. Endlich wieder mal laufen. Ich denke an Trimmy, das kleine quadratköpfige Männchen mit dem hochgereckten Daumen, das in den 1970er Jahren die Bundesbürger animierte, sich sportlich zu betätigen. “Trimm Dich – durch Sport!” hieß es damals - ach, wie gut das doch tut.

(Bild: Trimmy, Motivator einer Läufergeneration)
15 Minuten später verfluche ich diese These. Es geht bergauf, an der Mülldeponie vorbei. Unglaublich, wie steil der Anstieg doch ist. Ist mir im Auto gar nie aufgefallen. Meine Lunge pfeift, mir steht der Schweiß auf der Stirn. Ich habe ein Taubheitsgefühl in den Beinen. Kann vielleicht auch daran liegen, dass mir meine - vielleicht doch etwas knapp sitzende - alte Laufhose die Oberschenkel abschnürt. Sind meine Zehen schon blau? Egal, ich muss weiter. Oben auf der Kuppe steht ein Gassigeher mit seinem Hund und beobachtet, wie ich den Berg hinaufgekeucht komme. “Schon so aktiv heute Morgen”, ruft er mir entgegen. Ich zwinge mich zu einem Lächeln. Noch ein falscher Spruch und ich vergesse mich.
Die letzten Kilometer zurück nach Hause laufe ich im Delirium. Ich bin fix und fertig. Wie lange war ich unterwegs? Zwei Stunden? Meine Uhr zeigt 6.45 Uhr - was für eine Niederlage. Der Nachbar von nebenan holt seine Zeitung aus dem Briefkasten. “Na, warst Du ‘ne lockere Runde joggen.” Ich winke und wanke zur Haustür. Laufen ist die Hölle.
Am 16. Juli 2008 um 15:15 Uhr
schöner Beitrag!